Der Bus fährt. Nur nicht nach meiner Schicht.
Ein Fahrplan kann ordentlich aussehen und trotzdem am Alltag vorbeifahren. Ich möchte wissen, für wen er eigentlich geplant ist.
Ich möchte den Ort meiner Herkunft weder verteidigen noch verlassen müssen, nur damit die Geschichte über ihn aufgeht.
Wenn ich erzähle, dass ich aus einem Dorf bei Alsfeld komme, folgt manchmal eine Frage, die schon ihre Antwort mitgebracht hat: Wolltest du da nicht weg? Ich könnte nun von Wiesen erzählen. Oder von den Schwierigkeiten. Beides wäre richtig und beides allein zu bequem.
In meiner Familie gab es einen Handwerksbetrieb und Schichtarbeit in der Pflege. Wer nachts rausmusste, sprach morgens nicht zuerst über die Qualität des Landlebens. Er wollte wissen, ob noch Kaffee da war.
Ich möchte in einer Debatte nicht die zuständige authentische Dorffrau sein. Mich interessiert, was passiert, wenn jemand Ausbildung und Ortsbindung nicht als Gegensätze behandeln will.
Wer bleibt, ist nicht automatisch mutiger. Wer geht, hat nicht automatisch die Lage verstanden. In beiden Fällen kann eine Mischung aus Arbeit, Beziehungen, Geld und Zufall entscheiden. Hinterher erzählen wir gern eine geradere Geschichte daraus.
Ich kenne den Wunsch, dass sich das eigene Leben nicht ständig wie ein Gegenargument anfühlt. Wenn ich meine Gegend mag, möchte ich trotzdem über schlechte Verbindungen reden dürfen. Wenn ich ihre Mängel benenne, möchte ich nicht sofort beweisen müssen, dass ich sie überhaupt verdiene.
Ein brauchbarer Ort hält Kritik aus. Er muss nicht unberührt sein, damit Menschen sich ihm zugehörig fühlen. Vielleicht bleibt man gerade deshalb, weil man noch etwas verändern möchte.
Über den Vogelsberg lässt sich schön sprechen. Die Landschaft kann viel bedeuten. Sie erledigt aber weder einen Behördengang noch eine Betreuungslücke. Wer von Ortsbindung redet, sollte diese unscheinbaren Voraussetzungen mitdenken.
Ich wünsche mir deshalb keine Kampagne, die Menschen zum Bleiben überredet. Ich wünsche mir Bedingungen, unter denen die Entscheidung weniger von der Frage abhängt, ob man jede Lücke privat ausgleichen kann. Ein Ort gewinnt nichts, wenn er auf den Plakaten geliebt und im Tagesablauf unmöglich wird.
Nach einem Familienbesuch fahre ich nach Hause. Ich habe nichts Grundsätzliches bewiesen. Im Kofferraum liegen Sachen, die ich mitnehmen sollte. Mein Vater hat wieder zu viel eingepackt. Auch so sieht Zugehörigkeit aus.
Essay über die Lebenswirklichkeit im ländlichen Mittelhessen, Bleibeperspektiven und regionale Identität.