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Kultur & Gedächtnis · Ausgabe · 15. Oktober 2026

Nicht ganz Hessen babbelt

Ich mag eine Mundart, die noch widersprechen darf. Auch dem Bild, das andere sich von ihr gemacht haben.

Wenn jemand in einem Film unbedingt hessisch klingen soll, hört man die Absicht manchmal früher als den Satz. Es wird sehr entschieden gebabbelt. Ich warte dann darauf, dass die Person auch noch ein Schild hochhält, damit wirklich niemand die regionale Zuständigkeit verpasst.

Dabei kann schon ein einzelnes Wort zeigen, wie wenig sich die ganze Gegend auf eine Bühnenstimme reduzieren lässt. Was an einem Ort selbstverständlich klingt, wird am nächsten erklärt. Das ist kein Fehler im Dialekt. Es ist ein Grund, genauer zuzuhören.

Ein Wort ist noch keine Landkarte

Im Magazin von Hessen Tourismus erklärt ein Sprachwissenschaftler die hessische Dialektvielfalt. Dort begegnen auch unterschiedliche Wörter für das Reden, etwa babbeln und schnuddeln. Ich lese das lieber als Einladung zum Hinhören denn als Anleitung, künftig jeden Gesprächspartner geografisch zu vermessen.

Eine sprachliche Einteilung hat ihren Zweck. Der einzelne Mensch bleibt beweglicher. Menschen ziehen um, übernehmen Wörter, sprechen zu Hause anders als bei der Arbeit. Eine Person aus Wiesbaden ist deshalb kein Tonarchiv, das auf Anfrage den örtlich korrekten Satz liefern muss.

Ich bin in Mainz aufgewachsen und lebe lange in Wiesbaden. Es wäre seltsam, wenn meine Sprache angeblich nie eine Grenze überschritten hätte. Ich kann Wörter behalten, die nicht auf die sauber gezeichnete Karte passen.

Mundart muss nicht zur Vorführung werden

Mich interessiert, wann jemand aufhört, sich für die eigene Sprechweise zu entschuldigen. Ich mag ebenso, wenn jemand ins Standarddeutsche wechselt, weil das Gespräch es verlangt. Beides kann eine eigene Entscheidung sein.

Schwierig wird es, wenn Dialekt nur noch für den lustigen Teil vorgesehen ist. Dann darf er einen Abend unterhalten, während die ernsthaften Sätze woanders gesprochen werden. Eine lebendige Sprache braucht aber auch den Ärger über einen Bescheid und die genaue Erklärung einer Arbeit.

Für diese Seite wünsche ich mir deshalb kleine regionale Eigenheiten, die nicht ständig kommentiert werden müssen. Kein Kostüm aus falsch gesetzten Apostrophen. Keine Wortliste, die die Lesenden vor dem eigentlichen Text abarbeiten sollen.

Manchmal genügt ein Ausdruck, bei dem jemand kurz lächelt, weil er ihn lange nicht gehört hat. Danach kann der Satz weitergehen. Es gibt schließlich etwas zu erzählen.

Quellen und Einordnung

Der im Text verlinkte Beitrag aus dem offiziellen Tourismusmagazin dient als fachlicher Einstieg. Er ist kein vollständiger Dialektatlas. Einzelne Wörter und Grenzziehungen lassen sich nicht unverändert auf jeden Ort und jede Person übertragen.