Der Ersatzbus fährt nicht vom Gleis
Die Verbindung endet in der Auskunft nicht dort, wo ich den Bahnsteig verlasse. Ich plane den Weg zum Ersatzbus ausdrücklich mit ein.
Ein Fahrplan kann ordentlich aussehen und trotzdem am Alltag vorbeifahren. Ich möchte wissen, für wen er eigentlich geplant ist.
Die Frau in meiner Szene hat alles nachgerechnet. Nicht den Preis eines neuen Autos. Den Weg von ihrer Haustür bis zum Beginn der Frühschicht. Der Bus erreicht den Ort, der Fußweg ist überschaubar, der Dienst beginnt trotzdem früher. Auf dem Papier gibt es eine Verbindung. In ihrem Kalender gibt es keine.
Ihre Frage ist schlicht: Was bedeutet ein Verkehrsangebot, wenn es nicht zu den Zeiten passt, zu denen Menschen arbeiten?
Ich bin im Vogelsberg aufgewachsen. Das Auto taucht für mich deshalb selten als reine Geschmacksfrage auf. Wer es morgens braucht, um überhaupt einen Lohn zu verdienen, lässt sich mit dem Hinweis auf seine schlechte Klimabilanz nicht in einen früheren Bus setzen. Es müsste ihn erst geben.
Über Nahverkehr in Hessen wird gern in Fahrgastzahlen gesprochen. Mich interessiert zunächst eine andere Rechnung. Wann muss jemand das Haus verlassen? Wie lange dauert der Umstieg? Gibt es nach dem Dienst noch eine Rückfahrt? Und was passiert am Samstag?
Eine Hinfahrt ohne brauchbare Rückfahrt löst das Problem nicht zur Hälfte. Sie kann bedeuten, dass ein Auto weiterhin angeschafft und bezahlt werden muss. Dann liegt der Fahrschein neben der Versicherungspolice. Die Familie hat zwei Ausgaben und noch keine Freiheit gewonnen.
Ich würde deshalb gern häufiger ganze Tagesabläufe neben die Linienpläne legen. Den Arbeitsbeginn einer Pflegekraft, den Berufsschulschluss, die Betreuung eines Kindes. Nicht als Bitte, für jeden Haushalt einen Privatbus einzurichten. Als Prüfung, ob die vorhandenen Fahrten überhaupt sinnvolle Ketten bilden.
Bedarfsverkehre können eine Lücke schließen. Beim RMV sind On-Demand-Angebote an bestimmte Bediengebiete und Zeiten gebunden. Das steht auch in den Informationen des Verbunds. Aus einem Shuttle in einer Nachbarkommune folgt deshalb noch keine Verbindung vor der eigenen Haustür.
Für die konkrete Strecke würde ich Gebiet, Buchungsweg, Haltepunkt und Preis vorab prüfen. Eine App auf einer Präsentationsfolie beantwortet diese Fragen nicht. Ebenso wenig sollte man aus einem komplizierten Buchungsvorgang schließen, dass niemand fahren möchte.
Wer über den ländlichen Raum redet, muss sich außerdem an dessen Entfernungen erinnern. Der nächste Bahnhof kann nah aussehen, wenn man die Karte betrachtet. Mit Einkaufstaschen und einem müden Kind wird aus derselben Linie eine andere Strecke.
Für diese Frau habe ich am Ende keine schicke Lösung. Sie legt den Dienstplan wieder neben den Fahrplan. Genau dort würde ich die Planung beginnen lassen.
Zur Abgrenzung von Bediengebieten und Buchungsbedingungen: RMV: OnDemand-Angebote. Tarif und Verfügbarkeit sind vor einer tatsächlichen Fahrt aktuell zu prüfen.