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Kultur & Gedächtnis · Ausgabe · 3. November 2026

Wie wir uns noch begrüßen

Ein Gruß ist kein Hilfsdienst. Manchmal ist er trotzdem der Anfang einer Verbindung, die ich nicht ganz verlieren möchte.

Seit mein Mann gestorben ist, hat mein Tag mehr Stellen ohne Erklärung. Niemand muss wissen, wann ich zurückkomme. Niemand fragt, ob ich im Laden das eine mitbringen kann. Es ist eine Freiheit, die mir an manchen Tagen sehr groß vorkommt.

Eine beiläufige Verabredung bekommt in diesem Alltag plötzlich Gewicht. Man muss dafür nicht einmal wissen, was sie der anderen Person bedeutet.

Im Treppenhaus im Rheingauviertel begegnet mir eine Nachbarin. Sie fragt nichts Bedeutendes. Ob es draußen regnet. Ich sage, dass es aufgehört hat. Wir sind beide nur halb sicher, aber jetzt hat jemand gehört, dass ich heute schon draußen war.

Man muss nicht gleich alles voneinander wissen

Ich mag Nachbarschaften, in denen ein Gruß möglich ist, ohne dass daraus ein Auskunftsanspruch wächst. Niemand schuldet dem Hausflur einen Bericht über die eigene Gesundheit. Wer einen schlechten Tag hat, darf an der Tür auch kurz angebunden sein.

Gerade diese Freiheit macht eine kleine Verbindung für mich angenehm. Man erkennt einander wieder. Man kann fragen, ob ein Paket angekommen ist, und irgendwann vielleicht etwas fragen, das sich nicht so leicht auf einem Zettel erledigen lässt.

Ich würde solche Begegnungen nicht als Ersatz für Unterstützung behandeln, wenn jemand sie wirklich braucht. Freundlichkeit heilt keine Einsamkeit auf Bestellung. Sie kann aber einen Weg offen halten, auf dem eine Bitte überhaupt ausgesprochen wird.

Ein Vorschlag mit einer Uhrzeit

Wenn ich jemandem Gesellschaft anbieten möchte, würde ich konkreter werden als bei dem Satz, man müsse unbedingt einmal etwas zusammen machen. Ein Spaziergang am Donnerstag um drei ist eine Einladung, auf die sich antworten lässt. Auch mit Nein.

Ich habe gelernt, wie anstrengend unbestimmte Freundlichkeit sein kann. Sie fordert scheinbar nichts und hinterlässt doch eine Aufgabe: Nun müsste ich wohl einen Termin vorschlagen. Ein kleiner klarer Vorschlag nimmt etwas davon ab.

Am Abend begegnet mir dieselbe Nachbarin wieder. Sie trägt einen nassen Schirm. Es hat also doch geregnet. Wir einigen uns darauf, dass der Wetterbericht im Treppenhaus verbessert werden könnte.

Für morgen haben wir noch nichts verabredet. Aber ich werde wieder grüßen.

Quellen und Einordnung

Persönliche Beobachtungen aus dem Stadtteilalltag in Wiesbaden. Bei Unterstützungsbedarf älterer Menschen bieten regionale Nachbarschaftsnetzwerke und kommunale Seniorenberatungen kompetente Anlaufstellen.