Um zehn machen wir zu
Ein Jugendzentrum ist für mich zuerst ein Ort, an dem man sein darf. Das klingt bescheiden, bis dieser Ort fehlt.
Ich gehe nicht nur wegen der Bücher hinein. Manchmal brauche ich einen Tisch, an dem niemand auf meine nächste Bestellung wartet.
In einem Café weiß ich nach einer Weile nicht mehr, ob ich noch lese oder schon einen Tisch blockiere. Die Tasse ist leer, das Buch noch lange nicht. Ich sehe zur Theke und entwickle eine plötzliche Fürsorglichkeit für den Umsatz eines Betriebs, dessen Kalkulation ich nicht kenne.
In der Bibliothek denke ich darüber seltener nach. Ich muss mir meine Anwesenheit nicht mit einem zweiten Getränk erklären. Für mich ist das eine ausgesprochen kultivierte Erfindung.
Die Mauritius-Mediathek in Wiesbaden vereint laut städtischer Beschreibung Bibliothek, Musikbibliothek und Medienzentrum. Ausdrücklich ist sie auch als Treffpunkt gedacht. Ich finde bemerkenswert, wie viel in dieses letzte Wort passt.
Ein Treffpunkt muss nicht laut sein. Man kann dort jemanden verabreden oder allein bleiben. Man kann eine Zeitung lesen, etwas nachschlagen, einen Gedanken noch nicht zu Ende haben. Gerade die Mischung macht für mich den Wert eines öffentlichen Raums aus.
Wer solche Orte nur nach ausgeliehenen Medien beurteilt, sieht einen Teil ihrer Aufgabe. Ich möchte auch danach fragen, wer einen ruhigen Arbeitsplatz zu Hause hat. Und wer eben keinen hat. Kultur beginnt nicht erst mit dem Programm, für das eine Einladung gedruckt wird.
Das ist keine Behauptung, jede Bibliothek sei jederzeit für jeden Zweck geeignet. Auch ein öffentlicher Raum braucht Regeln. Wer lernen will, braucht Rücksicht; wer mit Kindern kommt, braucht nicht bei jedem Geräusch das Gefühl, ein Versehen zu sein. Diesen Unterschied kann man gestalten, statt die Menschen gegeneinander aufzurechnen.
Wer die Bibliothek in Wiesbaden tatsächlich nutzen möchte, sollte auf der städtischen Seite den Standort, die aktuellen Öffnungszeiten und die Bedingungen des gewünschten Angebots prüfen. Lesen im Haus, Ausleihe, Anmeldung und Veranstaltungen sind nicht automatisch dasselbe. Ich will hier keinen veralteten Öffnungszeitenkasten pflegen.
Der Weg dorthin ist für mich kein Ersatz für Freundschaft. Ein Tisch wird nicht zum Menschen. Aber ein erreichbarer Ort kann einen Tag anders strukturieren. Man geht hinaus, sieht andere und muss dafür keinen privaten Anlass erfinden.
Ich denke an die leere Tasse im Café und bin froh, dass es beide Arten von Räumen gibt. Die Bibliothek verdankt ihre Berechtigung nicht der Frage, was ich zusätzlich konsumieren könnte. Dort kann ich das Buch noch ein Kapitel länger offen lassen.
Das kommunale Angebot und seine Funktionen beschreibt die Stadt Wiesbaden auf der Seite zur Mauritius-Mediathek. Aktuelle Besuchs- und Ausleihbedingungen dort prüfen; Aktuelle Besuchs- und Ausleihbedingungen sowie Öffnungszeiten sind direkt dort zu entnehmen.