In der Bibliothek muss ich nichts bestellen
Ich gehe nicht nur wegen der Bücher hinein. Manchmal brauche ich einen Tisch, an dem niemand auf meine nächste Bestellung wartet.
Ein Jugendzentrum ist für mich zuerst ein Ort, an dem man sein darf. Das klingt bescheiden, bis dieser Ort fehlt.
Kurz vor Schluss wird noch jemand hungrig. Natürlich. Der Topf ist gespült, die Küche gewischt, der Schlüssel steckt schon im Schloss. Gegen Ende der Spätschicht lehnt ein Junge im Türrahmen und fragt, ob noch Brot da ist. Es ist noch Brot da.
Manchmal stelle ich mir vor, wie diese Minute in einem Projektbericht aussehen würde. Ausgabe eines Lebensmittels? Niedrigschwelliger Kontakt? Bei solchen Formulierungen höre ich das Rascheln eines Formulars, aber nicht die Stimme des Jungen.
Als Sozialarbeiter interessiert mich zunächst dieser Raum: ein Ort, an dem junge Menschen nicht sofort erklären müssen, warum sie noch da sind.
Ein offener Raum hat auch langweilige Stunden. Jemand spielt zum vierten Mal denselben Song. Zwei Leute reden nicht miteinander. Einer kommt nur wegen des WLANs. Wer nur die gelungene Veranstaltung fotografiert, sieht diesen Teil der Arbeit kaum.
Ich halte ihn für wichtig. Vertrauen lässt sich schlecht auf einen Mittwoch zwischen sechzehn und achtzehn Uhr bestellen. Manchmal entsteht es beim Aufräumen, manchmal nach Wochen, manchmal gar nicht. Das ist unbefriedigend für jede Tabelle. Für eine Beziehung ist es normal.
Damit will ich keine grenzenlose Geduld zum Berufsideal erklären. Auch ich würde jemanden nach Hause schicken, der andere bedroht. Ein offener Raum braucht Regeln, die tatsächlich gelten. Er braucht aber auch Erwachsene, die am nächsten Tag wieder dieselben Erwachsenen sind.
Wer von Jugendlichen Verlässlichkeit verlangt, sollte sie ihnen zeigen können. Ein Angebot, dessen Fortsetzung jedes Jahr zur Überraschung wird, macht das schwer. Ich wünsche mir eine Debatte, die neben dem Programm auch die dauerhafte Arbeit bezahlt.
Es löst weder den Wohnungsmarkt noch jede Gewaltfrage. Ich möchte es auch nicht als freundlichen Zauberraum verkaufen. Man kann dort scheitern, unfair sein, einen Konflikt falsch einschätzen. Gute Absichten sind keine Methode.
Trotzdem kenne ich aus diesem Alltag den Unterschied zwischen einem Abend mit Tür und einem Abend ohne. Vor einer Tür kann jemand sagen: Heute nicht, morgen wieder. Wo gar kein Raum vorgesehen ist, gibt es oft nur das Weitergehen.
Das Brot aus meiner Szene wird gegessen, während ich noch einmal den Herd kontrolliere. Danach ist wirklich Schluss. Morgen müsste wieder jemand aufschließen.
Einordnung aus der Praxis der offenen Jugendarbeit in Frankfurt. Öffnungszeiten, Schwerpunkte und Angebote offener Jugendhäuser variieren je nach Träger und Stadtteil.