Ein voller Gastraum bezahlt noch keine Rechnung
Ich mag einen vollen Laden. Ich mag auch Rechnungen, die sich bezahlen lassen. Beides ist nicht dasselbe.
Samir schreibt über die Realität in der Küche: Handwerk, Teamarbeit und die Frage, was eine fundierte Ausbildung heute leisten muss.
Zuerst habe ich gelernt, wo die sauberen Tücher liegen. Nicht weil das die wichtigste Frage meines Lebens war. Sondern weil jemand sofort eins brauchte und ich in der falschen Schublade suchte.
Ich heiße Samir und arbeite als Koch in einem Landgasthof bei Bad Hersfeld. In der Küche zählt nicht die große Rede, sondern das Zusammenspiel bei laufendem Service.
Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, möchte ich trotzdem gern bei der Arbeit anfangen. Beim Ablauf, an dem ich merke, ob wir uns verstanden haben. Bei dem Moment, in dem eine Pfanne zu lange steht. Bei der Frage, ob die Person neben mir weiß, was ich als Nächstes brauche.
Ich kann über ein Gewürz sprechen, das ich von zu Hause kenne. Ich kann aber auch schlicht müde sein, ohne damit eine Auskunft über ein Land zu geben. In meiner Figurenwelt wird diese Unterscheidung manchmal schwierig, weil andere schon einen schönen größeren Zusammenhang bestellt haben.
Ein Kollege braucht einen freien Abend. Eine Kollegin möchte den Dienst tauschen. Ich möchte wissen, wann wir anfangen. Diese Sätze sind nicht weniger interessant, nur weil sie sich schlecht als Erfolgsgeschichte drucken lassen.
Auch ein freundlicher Betrieb bleibt ein Betrieb. Ich möchte pünktlich bezahlt werden und ordentlich arbeiten können. Dankbarkeit ist kein Ersatz dafür. Wer meine Arbeit respektiert, muss sie nicht zuerst in eine Symbolfigur verwandeln.
Es gibt eine Art Anerkennung, die mir in dieser Geschichte besonders gefällt. Jemand sieht, dass ich etwas kann, und lässt es mich machen. Nicht jede Tätigkeit wird begleitet von der Überraschung, dass ich sie beherrsche.
Ich lerne weiter. Ich habe etwas falsch verstanden, frage nach, werde schneller. Das alles darf vorkommen, ohne dass gleich eine ganze Gruppe mit mir geprüft wird. Ein schlechter Abend bleibt dann ein schlechter Abend in einer Küche.
Später räume ich die Tücher nach. Inzwischen finde ich die richtige Schublade, ohne hinzusehen. Das ist keine große Ankunftsgeschichte. Aber an diesem Arbeitsplatz komme ich damit weiter.
Gastbeitrag aus der handwerklichen Gastronomiepraxis in Osthessen. Ein persönlicher Blick auf Arbeitszeiten, Ausbildung und den Wert praktischer Arbeit in der Küche.